Wilhelmstraße Braunschweig

Die Braunschweiger Wilhelmstraße verläuft vom Steinweg bis zur Wendenstraße/Am Wendentor, von der Innenstadt bis ins nördliche Stadtgebiet. Den Namen hat sie von Herzog Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg (1806-1884) seit 1832. Zuvor floss hier der Wendengraben (vom Ritterbrunnen kommend), der um 1830 kanalisiert und zugeschüttet wurde. Im Wendengraben wäre beinahe Carl Friedrich Gauß als Kind ertrunken, ein Nachbar konnte ihn in letzter Sekunde retten (das Wohnhaus Gaus befand sich bei unseren Ansichten auf der rechten Seite hinter der Kurve). Wir können auf der Karte von 1905 die Breite der Wilhelmstraße sehen, diese beruht auf dem Verlauf des Grabens und nicht etwa aus der Notwendigkeit als Hauptverkehrsader. Sehr schön erkennen wir auch das Kopfsteinpflaster, welches über die gesamte Straßenbreite läuft.

Kopfsteinpflaster

Kopfsteinpflaster hat eine lange Tradition. Schon im Altertum vor 6.000 Jahren waren Wegpflasterungen in Mesopotamien bekannt, wie Ausgrabungen bewiesen. Für die Römer waren befestigte Straßen unerlässlich, um ihr Weltreich aufzubauen. Auch sie setzten auf die Pflastersteine, die auf sorgsam begründete Unterschichten verlegt wurden. Ihre Straßen werden zum Teil heute noch genutzt, wie die Via Appia in Italien, die von Rom nach Brindisi führt und heute dem Kfz-Verkehr dient, allerdings mit einer zusätzlichen Asphaltdecke versehen. Zur Zeit unserer Ansicht waren die meisten befestigten Straßen mit Pflastersteinen belegt. Die aus Basaltgestein hergestellten Steine mussten in gleichmäßiger Größe (Kopfbreite 10-18 cm) unter Berücksichtigung ihrer natürlichen Struktur geschlagen werden, es war ein Handwerksberuf. Verdrängt wurden die Basaltsteine dann durch die Betonsteine, die Anfang des 20.Jahrhunderts viel günstiger hergestellt werden konnten. Durch die Ausweitung des Verkehrs kamen die gleichmäßigeren und stärker belastbaren Asphaltstraßen auf, wie wir sie heute kennen. In Fußgängerzonen und historischen Ensembles sind aber auch heute Kopfsteinpflaster wieder beliebt. Für Frauen mit High Heels sind diese Laufwege allerdings nicht zu empfehlen, Bänderschäden und Verstauchungen durch Umknicken können leicht passieren.

Kinderspiele um 1900

Kinder gab es um 1900 in Deutschland, wie auf unserer Ansicht, reichlich. Ebenfalls anders als heute konnten sie den ganzen Tag auf der Straße spielen. Autos waren seltener als ein Lottogewinn und Pferdewagen so langsam, dass keine Gefahr drohte. Große Gefahren waren Krankheiten, die Säuglingssterblichkeit lag im Deutschen Reich 1900 bei 20 %, bei unehelich geborenen Kindern sogar bei 33 %, und viele weitere Kinder erreichten nicht das 5. Lebensjahr. Dank großer Mediziner wie Robert Koch (Entdeckung des Tuberkuloseerregers), Paul Ehrlich und Emil von Behring (Heilserum gegen Diphtherie und Tetanus) oder Max von Pettenkofer (Vater der Hygiene) gelang es, diese Sterblichkeit nachhaltig zu senken. Was spielten Kinder um 1900? Verstecken, Reifenschlagen, Stelzenlaufen, Räuber und Gendarm, Seilspringen oder Murmelspiel. Auf jeden Fall waren sie, sofern es das Wetter zuließ, viel draußen und bewegten sich. Ihre soziale Interaktion dürfte besser geschult gewesen sein als bei heutigen, allerdings nur in der jeweiligen Klassenzugehörigkeit.

1905: Eine enorme Breite zeichnete die Straße wegen des zugeschütteten Wendengrabens aus.

2016: Statt Kopfsteinpflaster wird heute Asphalt als Belag verwendet. Der Anblick hat insgesamt etwas Kaltes.

Bomben zerstörten alte Fachwerkhäuser

Die heutige Wilhelmstraße sieht, wie die Ansicht von 2016 zeigt, „etwas“ anders aus als 1905. Die Bomben leisteten ganze Arbeit an der alten Fachwerksubstanz. Die Schadenskarte vom Mai 1945 weist bei 119 vorhandenen Häusern eine Zerstörung von 106 Häusern aus. Mittlere bis schwere Schäden hatten 11 und leichte oder keine Schäden nur 2 Häuser. Nur der Teil des alten Amtsgerichts wurde wieder instand gesetzt.

 

Dieser Artikel ist ein Teil der Magazinreihe „Damals & heute“, herausgegeben von FUNKE Medien Niedersachsen GmbH. Text von Dirk Teckentrup – Ihr Immobilienmakler Braunschweig.

 

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