Hinter Liebfrauen Braunschweig

Die kurze Straße Hinter Liebfrauen liegt im südlichen Innenstadtbereich und geht heute vom Waisenhausdamm Ecke Friedrich-Wilhelm-Straße-Münzstraße ab, läuft in südöstlicher Richtung, bis sie zur noch kürzeren Straße Rosenhagen wird, die dann auf die Stobenstraße stößt. Schon 1245 wird das neue Hospital hier (neu, da es in Braunschweig schon das ältere Johanniterspital gab) „De spetal to User vrowen – novum hospitale virginis Marie“ (das Spital unserer Frauen – das neue Hospital der Jungfrau Maria) erwähnt. Aus dem mittelalterlichen Hospital wurde später das „Große Waisenhaus“. Bei einem Neubau im klassizistischen Stil mussten 1784-87 etliche ältere Gebäude weichen, darunter auch die kleine Marienkirche. Unsere kleine Straße südlich davon wurde im Stadtplan von 1671 „die liebe Frauenstraße“ genannt, in den Grundbüchern um 1700 „Hinter lieben Frauen“. Auf unserer Ansicht um 1903 sehen wir das letzte Teilstück der Straße Hinter Liebfrauen, dann links abgehend die Friedrich-Wilhelm-Straße, rechts die Münzstraße und geradezu Kattreppeln. An der Ecke Kattreppeln hatte links (Kattreppeln 14) W. Voigtländer seine Tabak- und Zigarrenhandlung sowie rechts (Kattreppeln 13) A.E. Gentzsch seine Lotterieannahme und Fahrradhandlung.

Tabak und Zigarren

Tabak- und Zigarrenhandlungen waren damals, anders als heute, sehr verbreitet. In Europa war der Tabak vor der „Entdeckung“ Amerikas durch Christoph Kolumbus unbekannt. Zuerst wurde er in der Alten Welt als Heilmittel eingeführt und angebaut. Tabakblätter legte man auf offene Wunden und bei Magenbeschwerden sollte der Kranke Tabaksaft trinken! In einem Kräuterbuch aus dem Jahr 1656 ist über Tabak zu lesen: „Dieses Kraut reinigt Gaumen und Haupt, vertreibt die Schmerzen und Müdigkeit, stillt das Zahnweh, behütet den Menschen vor Pest, verjagt Läuse, heilet den Grind, Brand, alte Geschwüre, Schaden und Wunden“. Um 1670 betrieben in Mannheim eingewanderte Hugenotten Schnupf- und Kautabakgeschäfte. 2000 wurden rund 7,4 Mio. Tonnen Tabak geerntet und der größte Produzent war, man höre und staune, China mit über 30% der Ernteerträge. Früher wurde Tabakbrühe als Insektizid genutzt, dieses ist allerdings mittlerweile aufgrund von möglichen Rückständen von Nikotin in den Nahrungsmitteln verboten. Zigarren sind aus Tabakblättern gerollt. Der Name soll sich über das spanische cigarro aus der Mayasprache zicar (Tabak rauchen) herleiten. Während des 19. Jahrhundert war das Zigarrenrauchen in Europa sehr verbreitet und die Herstellung von Zigarren wurde ein wichtiger Industriezweig. In Deutschland konzentrierte sich im 19. Jahrhundert die Herstellung auf die Länder Baden und Preussen. Die Tabakarbeiter gehörten zu den ersten Beschäftigtengruppen, die sich der entstehenden Arbeiterbewegung anschlossen. Dabei spielte die Fertigung in manufakturähnlichen Betrieben eine wichtige Rolle. Dort war die Kommunikation untereinander leichter möglich als in den lärmerfüllten Fabriken. Der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein, gegründet 1865 war die erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland überhaupt. Sie wurde zum Vorbild vieler neu gegründeter Gewerkschaften. Die Zigarre hielt sich bis zum Beginn des 20. Jahrhundert als beliebtes Genussmittel, bis sie durch die starke Verbreitung von Zigaretten in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung verdrängt wurde.

Hinter Liebfrauen Blickrichtung Kattreppeln um 1903, den Waisenhausdamm gab es noch nicht.

Durch die Straßensituation ist das Blickfeld 2017 großzügiger.

Trümmerwüste

Der Krieg hinterließ hier Hinter Liebfrauen eine Trümmerwüste, von 17 Gebäuden der Straße überstand nur eins mit leichten Schäden den Krieg, die Straßenfront des Waisenhauses erhielt mittlere bis schwere Schäden. In diesem Gebäude befindet sich heute der größte Anlieger der Straße, das Best Western Garni Hotel StadtPalais in Hinter Liebfrauen 1a mit 57 Zimmern. Die übrige 1950er-Jahre-Architektur der Straße lädt nicht zum Verweilen ein.

 

Dieser Artikel ist ein Teil der Magazinreihe „Damals & heute“, herausgegeben von FUNKE Medien Niedersachsen GmbH. Text von Dirk Teckentrup – Ihr Immobilienmakler Braunschweig.

 

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